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Unfruchtbarkeit

Das Zeugen von neuem Leben – der Prozess der Fortpflanzung – ist so natürlich wie atmen. Gerade deshalb sind Paare, die sich ein gemeinsames Kind wünschen, umso betroffener, wenn die ersehnte Schwangerschaft ausbleibt. Die weltweiten Schätzungen für unfruchtbare Paare gehen bis in hohe zweistellige Millionenzahlen. Alleine in Deutschland suchen jährlich rund 800.000 Paare medizinischen Rat – oftmals mit berechtigter Hoffnung.

Definition für Unfruchtbarkeit

Betroffene Paare empfinden oftmals schon viel eher, dass etwas nicht in Ordnung ist. Doch die Medizin spricht erst von Unfruchtbarkeit (primärer Sterilität, Zeugungsunfähigkeit), wenn sich nach zwei Jahren regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eingestellt hat. Ungewollte Sterilität ist eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannte Krankheit.

Da die Zeugungsfähigkeit eines Menschen Phasen durchläuft, also natürlichen und/oder von außen herbeigeführten Schwankungen unterliegt, besteht immer auch die Möglichkeit einer temporären Fruchtbarkeitsstörung.

Mögliche Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit

Die Gründe für das Ausbleiben einer gewünschten Schwangerschaft können vielseitig sein: Unfruchtbarkeit kann physische (körperliche/genetische) wie psychische oder umweltbedingte Ursachen haben. Dabei sind die Auslöser bei beiden Partnern gleichermaßen ausfindig zu machen. Die von Instituten und Ärzten bekannt gegebenen Prozentzahlen variieren leicht. Im Mittel liegt eine „sterile Partnerschaft“ zu etwa 30 % bei der Frau begründet, ebenso zu 30 % beim Mann. Etwa weitere 30 % entstehen durch eine ungünstige Kombination beider (idiopathische Sterilität). Für die restlichen 10 % des ausbleibenden Nachwuchses können keine klärenden Ursachen gefunden werden.

Ein vielfach für Unfruchtbarkeit genannter Grund ist das heutzutage fortgeschrittene Alter, in dem ein Kinderwunsch konkret wird. Vor der Familiengründung stehen Wünsche und Notwendigkeiten wie der berufliche Werdegang, der Aufbau einer finanziellen Sicherheit sowie die Sehnsucht „einfach zu leben“. Dass sich die biologische Verfassung, sprich die Zeugungsfähigkeit in dieser Zeit kontinuierlich verschlechtert, wird dabei häufig außer Acht gelassen.

Gründe aufseiten der Frau

Zeugung, Versorgung und neunmonatige Beherbergung heranwachsenden Lebens bedeuten eine komplexe körperliche Leistung: Zunächst müssen genügend gesunde Eizellen heranreifen. Die Eileiter müssen intakt, der Hormonhaushalt stimmig sein. Gleichzeitig sind ein gesunder Gebärmutterhals und eine ebenso gesunde Gebärmutter vonnöten. Die Gebärmutterschleimhaut wiederum braucht eine sehr gute Qualität, damit ein Embryo sich überhaupt einnisten kann – viele potenziale Ursachenherde für das Ausbleiben einer Wunschschwangerschaft:

Oftmals behindern verschlossene oder durch Entzündungen verklebte Eileiter die Fruchtbarkeit. Auch können im Bereich der Gebärmutter Zysten oder Verwachsungen vorliegen. In seltenen Fällen gehören angeborene Fehlbildungen des weiblichen Geschlechtsorgans zu den Auslösern. Eine ungesunde Lebensweise kann ebenfalls hinderlich wirken. So kann übermäßiger Nikotinkonsum zum Beispiel zu einem Ausfall des Eisprungs führen.

Unterschätzt werden oftmals auch die bereits früh (!) einsetzenden Veränderungen der weiblichen Fruchtbarkeit durch das Lebensalter: Ab dem 30. Lebensjahr entstehen zunehmend Hormonstörungen. Gleichzeitig wird auch der Reifeprozess der Eizellen störanfälliger: Da parallel zum älter Werden die Anzahl gesunder, empfängnisbereiter Eizellen abnimmt, sinkt die Zeugungsfähigkeit einer Frau zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr bereits um 50 %.

Mögliche Ursachen beim Mann

auch hier müssen für den Zeugungsvorgang diverse Voraussetzungen greifen: Im Hoden muss eine hinreichende Anzahl beweglicher und zudem gesunder (nicht missgebildeter) Samen produziert werden. Dazu müssen sämtliche Wege für den Weitertransport frei sein: Nebenhoden, Samenleiter und Harnröhre. Die Prostata übernimmt zudem die Produktion eines Transport unterstützenden Sekrets – ebenfalls ein breites Feld für die Ausbildung einer ungewollten Sterilität:

Es könnten Fehlfunktionen der Hoden vorliegen und dadurch unzureichend ausgebildete Spermien (qualitativ wie quantitativ). Zudem verschlechtert sich auch beim Mann die Spermienqualität ab dem 30. Lebensjahr stetig. Als weitere Gründe zählen krankhafte Zellen wie Tumore, Gefäßmissbildungen (Durchblutungsstörungen, die die Hodentemperatur ungünstig beeinflussen; Krampfadern), Chromosomen- und damit hormonelle Störungen oder auch erlittene Verletzungen. Die Medizin unterscheidet beim Mann klar zwischen Störungen im Bereich der Samenbildung und des Transports. (Die Themengebiete Erektionsstörungen und Impotenz werden hiervon komplett separiert.)

Womöglich liegt auch „nur“ eine Fruchtbarkeitsstörung durch einen ungünstigen Lebensstil vor. Hierzu zählen unter anderem: ungesunde Ernährung, übermäßiger Alkohol- und/oder Nikotinkonsum, zu enge Beinkleider, exzessiver Sport oder starker Bewegungsmangel.

Stress als mögliche Ursache für beide Partner

Stress bezeichnet unangenehme Zustände oder Belastungssituationen, denen ein Mensch nicht ausweichen kann, obwohl er gerne flüchten würde. Die Belastung kann von außen herbeigeführt sein, im Inneren erlebt oder unbewusst ausgefochten werden. Ähnlich wie bei jemandem, der gefesselt auf einem Stuhl sitzt, raubt Stress dem Körper enorm viel Kraft und kann den Hormonhaushalt völlig durcheinanderbringen. In dieser Zeit stellt der Körper eigenständig Funktionen, die nicht lebensnotwendig sind, vollständig ein – und dazu gehört auch die Fruchtbarkeit.

Wenn bei Paaren über einen lange andauernden Zeitraum keine Schwangerschaft eintritt, kann Stress – liegt die eigentliche Ursache der Unfruchtbarkeit eigentlich woanders – zu einem zusätzlichen, sekundären Auslöser werden (beim Paar selbst sowie durch Familienangehörige).

Der Weg der Diagnostik

Allen Untersuchungen voran steht in der Regel die Anamnese als Basisdiagnostik. Ein Klärungsgespräch, in dem es um Lebensgewohnheiten, mögliche Zyklusunregelmäßigkeiten bei der Frau und die Krankheitsgeschichten beider Partner geht. Auch das Themengebiet bereits erlebter Schwangerschaften, Fehlgeburten und/oder Abtreibungen muss angesprochen werden. In diesen Fällen ginge es dann nicht mehr um eine primäre, sondern um eine „sekundäre Sterilität“ beziehungsweise „Infertilität“ (nach mehreren Fehlgeburten).

Daran anschließend können Untersuchungen folgen wie das Abtasten der Geschlechtsorgane sowie Ultraschallbetrachtungen, um zum Beispiel die Gebärmutterbeschaffenheit festzustellen und beide Partner auf Fehlbildungen oder Verwachsungen innerhalb der Geschlechtsorgane zu überprüfen. Ebenso Aufschluss liefern die Ergebnisse entnommener Blut- und Spermienproben. Das Blutbild gilt als zuverlässiger Lieferant von Daten zum Hormonhaushalt und anderen gesundheitlichen Störungsbildern. Anschließend kann bei der Frau mittels Basaltemperaturkurve oder Zyklusmonitoring überprüft werden, ob überhaupt ein Eisprung stattfindet. Bei einem positiven Ergebnis können Untersuchungen folgen wie eine Gebärmutter- oder Bauchspiegelung. Aufseiten des Mannes können im Anschluss an ein ungünstig ausgefallenes Spermiogramm Gewebeproben aus dem Hoden entnommen werden (Hodenbiopsie).

Therapie und Behandlungsmöglichkeiten

Je nach Ursache werden Fruchtbarkeitsstörungen unterschiedlich behandelt. Können beide Partner trotz bislang steriler Partnerschaft gesunde Ei-, beziehungsweise Samenzellen ausbilden, besteht mittels medizinischer Unterstützung dennoch die Möglichkeit für gemeinsamen Nachwuchs. Eine 100-prozentige Erfolgsgarantie ist jedoch an keine der Behandlungsmethoden gebunden. Was neben dem (eventuell) notwendigen zeitlichen und/oder finanziellen Aufwand vor allem eine große seelische Herausforderung bedeuten kann! Auch sind die Risiken einer jeden Möglichkeit zu bedenken. Unter anderem stehen folgende Therapieformen zur Option:

Hormonelle Stimulation der weiblichen Eierstöcke

Mittels Zuführung hormonähnlicher Medikamente durch Tabletten oder Injektionen soll die Reifung der Eizellen in den Eierstöcken und damit ein Eisprung angeregt werden. Als Risikofaktor gilt hier vor allem die Überstimmulation, die zu einer unangemessen hohen Anzahl von großen Eibläschen, Zysten und Schmerzen führen kann. Hormonbehandlungen erhöhen zudem die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlingsschwangerschaft.

Samenübertragung (Intrauterine Insemination – IUI)

In diesem Fall werden die Spermien des Mannes im Labor von der Transportflüssigkeit sondiert und aufbereitet. Die so erreichte, höhere Konzentration gesunder Samenzellen wird anschließend der weiblichen Gebärmutterhöhle oder dem Eileiter zugeführt.

Künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation – IVF)

Bei dieser Methode findet die Befruchtung beiden Partnern zuvor entnommener Ei- und Samenzellen außerhalb des weiblichen Körpers im Reagenzglas eines Labors statt. Da anschließend zumeist mehrere befruchtete Eizellen in die Gebärmutterhöhle übertragen werden, entsteht so die Möglichkeit einer Mehrlingsschwangerschaft (inklusive der sehr schweren Entscheidung einer eventuellen, teilweisen Abtreibung).

Intrazytoplasmatische Spermieninjektion – ICSI

Auch hier findet die Befruchtung im Labor statt. Allerdings kommt es zu einer Mikro-Injektion nur dann, wenn die Anzahl gesunder Spermien im männlichen Ejakulat so gering ist, dass die Eizellen nur gezielt mit dem jeweiligen Einspritzen einer ausgewählten Samenzelle befruchtet werden können.

In Deutschland verboten sind laut Embryonenschutzgesetz hingegen Leihmutterschaften und das Spenden von Eizellen. Auch dürfen Embryos vor dem Einbringen in die Gebärmutterhöhle nicht auf mögliche Krankheiten untersucht werden.

Wenn die Diagnose endgültig ist

Der Wunsch, einem eigenen Kind das Leben zu schenken, ist wie ein kostbarer Schatz, getragen von gemeinsamer Liebe. Diesen Herzenswunsch – und damit eine ganze Lebensperspektive – aufgeben zu müssen, ist ein echter Verlust. Der Verlust eines im Herzen/in den Gedanken schon längst da gewesenen Wunschkindes, das betrauert werden muss. Ein enorm wichtiger Schritt, um sich im Anschluss für Alternativen öffnen zu können, die nicht als Ersatz, sondern als eigenständige, neue Lösung angenommen werden können.

Die eigene Unfruchtbarkeit – und damit oftmals im Zusammenhang stehende Gefühle von Scham, Ohnmacht und Minderwertigkeit – zu verarbeiten braucht Zeit. Zeit, in der unbetroffene Außenstehende vielfach nicht helfen können. Denn wie eine afrikanische Weisheit so treffend sagt: „Du weißt nicht, wie schwer die Last ist, die du nicht trägst.“

Ist die traumatische Erfahrung in sich selbst und gemeinsam mit dem Partner verarbeitet, bildet sich vielleicht Raum für mögliche Alternativen: ein Kind mit Fremdhilfe zu zeugen oder liebevoll eines von außen kommend in die Familie zu integrieren. Mögliche Wege wären vorhanden: Samenspende, künstliche Befruchtung, Pflegeelternschaft, Adoption oder ehrenamtliche Vormundschaft. Alternativen, die ganz eigene rechtliche und vor allem emotionale Inhalte bergen und einer intensiven Auseinandersetzung bedürfen.

Paare, die sich aufgrund von Unfruchtbarkeit entscheiden, kinderlos zu bleiben, sollten sich der enormen Energie bewusst werden, die sie zuvor in den Kinderwunsch investiert haben. Energie, die nun nicht ins Leere fließen, sondern vielmehr umgeleitet werden könnte in neue gemeinsame Lebensperspektiven – sei es beruflich, auf Hobbys bezogen oder das Lebensumfeld betreffend. Es gibt viele Varianten, in denen sich die Kraft eines Paares entfalten kann.